Diese Videoaufnahmen zeigen nicht die junge Annalena Baerbock

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Seit Anfang Juni haben Hunderte Nutzerinnen und Nutzer eine Behauptung auf Facebook geteilt, wonach die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock die Legalisierung von Sex mit Kindern gefordert habe. Als Beweis dient ein altes Video, in dem eine junge Frau mit dieser Forderung auftritt. Dabei handele es sich um die Grünen-Politikerin, heißt es. Die Frau im Video ist jedoch nicht Baerbock, sondern ein Mitglied der sogenannten "Nürnberger Indianerkommune". Baerbock war zum Zeitpunkt der Aufnahme noch nicht geboren.

In einem verschwommenen Video sind drei junge Menschen zu sehen. Eine Frau an einem Mikrofon sagt: "Darum fordern wir als erstes die Abschaffung, das heißt ersatzlose Streichung der Paragrafen 173 bis 176, Legalisierung aller zärtlichen sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, die gewaltfrei sind und auf freier Vereinbarung beruhen." Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben das Video seit Anfang Juni auf Facebook geteilt und behauptet:"Annalena Charlotte Alma Baerbock fordert Sex mit Kindern" (hier, hier). Auch auf Telegram sahen Zehntausende die vermeintliche Baerbock-Forderung.

Facebook-Screenshot: 13.07.2021

Die Debatte um Legalisierung von sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern ist tatsächlich Teil der grünen Parteigeschichte. 2013 beschlossen die Grünen deshalb bereits die Einsetzung einer "Kommission Aufarbeitung", die die Verbreitung und Unterstützung von Pädophilie von Parteimitgliedern der Grünen in den 1980er-Jahren aufklären sollte. Das geschah in Zusammenarbeit mit dem Göttinger Institut für Demokratieforschung.

Ein so entstandener Aufarbeitungsbericht zeigt, dass es in den 1980er-Jahren grüne Mitglieder gab, die sexuelle Gewalt gegenüber Kindern ausgeübt hatten. Die Forderung nach der Straffreiheit pädophiler Beziehung fand damals außerdem Eingang in Parteiprogramme der Grünen, es gibt zudem Broschüren wie jene der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz in West-Berlin, aus denen später die Berliner Grünen hervorgingen, die mit dem Titel "Ein Herz für Sittenstrolche" für die Akzeptanz von Pädophilie warben. Ihre Positionen trugen diese Gruppen weit in die Partei hinein, wie etwa die Zeitungen "Zeit" und "taz" in Artikeln über die grüne Aufarbeitung resümieren. Aber kann Annalena Baerbock Teil einer solchen Bewegung gewesen sein?

Die "Nürnberger Indianerkommune"

Eine Google-Suche nach dem Wortlaut der Forderung im Video führte AFP zu einem 2018 erschienen Beitrag in der Fachzeitschrift "Geschichte und Gesellschaft” über die Debatte um Pädophilie in Deutschland. Die Forderung nach der Straffreiheit pädosexueller Handlungen kommt darin Wort für Wort übereinstimmend als Zitat eines Flugblattes der sogenannten "Indianerkommune" aus dem Jahr 1980 vor. In einem weiteren Fachbeitrag von 2017 über die Indianerkommune desselben Autors taucht der Text des Flugblatt der Indianerkommune ebenfalls auf.

Die sogenannte "Indianerkommune" war eine Gruppe, in der ab Ende der 1970er-Jahre teils pädophile Erwachsene mit Kindern zusammenlebten. Häufig aus Fürsorgeeinrichtungen weggelaufene Kinder und Jugendliche fanden dort Unterschlupf, über ihre Identität ist nicht viel bekannt, so der Beitrag von 2017. Die Struktur der Indianerkommune ist im Beitrag als "eine Art Sekte" beschrieben. Mit ihren Forderungen waren sie bei mehreren Parteitagen der Grünen anwesend, etwa 1980 in Dortmund und Saarbrücken. Michael Panitz vom "Archiv Grünes Gedächtnis" der grünen Heinrich-Böll-Stiftung bestätigte am 14. Mail gegenüber AFP, dass es sich bei der Gruppe im aktuell geteilten Video um die Stadtindianer handle.

Demnach stammt die aktuell geteilte Aufnahme vom Gründungsparteitag in Karlsruhe im Januar 1980. Das "Archiv Grünes Gedächtnis" stellte AFP ein Foto zur Verfügung, das die drei Stadtindianer aus einer anderen Perspektive zeigt. Details wie die Frisur der sprechenden jungen Frau, die Mütze der Frau in der Mitte oder das Haarband des jungen Mannes links im Video stimmen überein. Auch der Hintergrund des Fotos, die Podiumsbänke mit daran aufgehängten Zetteln, sind auf anderen Aufnahmen des Parteitages 1980 zu sehen. AFP kann das Foto aus urheberrechtlichen Gründen nicht online zeigen.

Auch andere Quellen datieren das Video in diesen Zeitraum. Tobias Neef-Methfessel vom eingangs erwähnten Göttinger Institut für Demokratieforschung, das sich intensiv mit der Geschichte von Pädosexualität bei den Grünen befasste, verortete es am 14. Juli gegenüber AFP ebenfalls in den frühen 1980er-Jahren, "da mit ziemlicher Sicherheit eine Kommunardin in der Aufnahme zu sehen ist, die früh eine eigene Gruppe, die Kanalratten, aufgemacht hat."

Der aktuell geteilte Videoclip ist zudem von Sekunde 35 bis 55 auch Teil eines Videos von "Spiegel TV", das sich mit der Gründung der Grünen beschäftigt. Eine Anfrage beim Spiegel nach dem Ursprung des Materials blieb bisher unbeantwortet.

Zum Zeitpunkt des Karlsruher Gründungsparteitages im Januar 1980 war die heutige Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock noch gar nicht geboren. Sie kam erst am 15. Dezember 1980, also rund elf Monate nach der Aufnahme, zur Welt. Die sprechende Frau im aktuell geteilten Video kann sie damit nicht sein. Sie sieht Baerbock nicht einmal ähnlich, wie Aufnahmen der jungen Annalena Baerbock zeigen (hier, hier, hier).

Ab Ende 1983 distanzierten sich die Grünen dann immer mehr von den Auftritten der Indianerkommune. Die Partei hatte im September 1983 eine Jugendkonferenz in Kamp-Lintfort organisiert, bei der es zum Bruch kam. "Wer nicht über ihre (die der Indianerkommune, Anm. d. Red.) Themen reden wollte, lief Gefahr, beleidigt, angespuckt oder tätlich angegriffen zu werden. Einer Frau wurde ein Teller mit Essen über den Kopf geschüttet", beschreibt der Beitrag von 2017 die Eskalation des Verhältnisses zwischen Grünen und Indianerkommune. Der Bundesvorstand der Grünen beschloss demnach anschließend, keine Materialien der Indianerkommune mehr zu verschicken. Annalena Baerbock war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal drei Jahre alt.

Grünen-Sprecherin Maria Henk schrieb am 13. Juli zudem auf die Frage, ob Annalena Baerbock wie behauptet die Legalisierung von Kindersex gefordert habe:

Auch eine Suche von AFP nach solchen Äußerungen der Politikerin blieb ergebnislos.

Heutige Position der Grünen

Der bereits erwähnte Aufarbeitungsbericht macht Jahrzehnte später deutlich: "Die in den Anfangsjahren der grünen Partei geführte Debatte über die Straffreiheit pädosexueller Handlungen ist ein bedrückendes Kapitel unserer Parteigeschichte, das BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN viel zu lange ausgeblendet haben." Bei der Präsentation des Berichts 2015 sagte die damalige Berliner Grünen-Vorsitzende Bettina Jarasch: "Wir schämen uns."

Im aktuellen Bundestagswahlprogramm der Grünen findet sich keine vergleichbare Forderung mehr. Im Kapitel "Kinder vor Gewalt schützen" heißt es etwa: "Für viele Kinder und Jugendliche ist psychische, körperliche, sexualisierte Gewalt und Vernachlässigung leidvoller Alltag. Dagegen gehen wir hart vor." Die Grünen fordern darin Prävention, Aufarbeitung und Strafverfolgung solcher Fälle und wollen Wissen über unter anderem sexualisierte Gewalt in die Curricula von Jura, Medizin, Pädagogik und Polizei bringen.

Fazit: Annalena Baerbock forderte in diesem Video nicht die Legalisierung von Sex mit Kindern. Die darin sprechenden Menschen sind Mitglieder einer Gruppe namens Indianerkommune, die Anfang der 1980er für die Legalisierung von Sex mit Kindern eintrat. Zum Zeitpunkt des Videos war Annalena Baerbock noch nicht geboren. Ein Faktencheck der dpa kam ebenfalls zum selben Ergebnis.

BUNDESTAGSWAHL 2021