Nein, dieses Foto zeigt nicht, wie Bundestagspräsidentin Klöckner versuchte, einen AfD-Politiker zum Schweigen zu bringen

Seit ihrem Einzug in den Bundestag 2017 klagt die Alternative für Deutschland (AfD) des Öfteren, dass andere Parteien sie unfair behandeln. Im Januar 2026 hieß es online, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner habe sogar körperlich versucht zu intervenieren, als ein AfD-Abgeordneter in einer Debatte eine Rede abhielt und angeblich "geheime Pläne der Altparteien" entlarven wollte. Klöckner soll dabei gestolpert sein, was ein entsprechendes Sharepic zeigen soll. Doch das Foto von Klöckner ist alt und stammte nicht von dieser Debatte. Zudem belegen Videos, dass die besagte Rede des AfD-Abgeordneten nicht unterbrochen wurde.

"Eklat im Bundestag", heißt es in einem Facebook-Post am 25. Januar 2026, der mehr als 700 Mal geteilt wurde. "Julia Klöckner gerät ins Straucheln", lautet die Beschreibung. Klöckner ist Bundestagspräsidentin und CDU-Politikerin.

Laut der Behauptung soll ein Abgeordneter der Alternative für Deutschland (AfD), Stephan Brandner, während einer Debatte zur damals anstehenden Reform der Bundestagsgeschäftsordnung im September 2025 "die geheimen Pläne der Altparteien entlarvt" haben. Diese Pläne sollten angeblich Strafen von bis zu 4000 Euro beinhalten für Abgeordnete, deren Reden dem Bundestagspräsidium nicht gefallen würden. Sogar der Vorwurf der "Inkompetenz" sei für einen Ordnungsruf ausreichend. Userinnen und User fragten: "Ist das noch Rechtsstaat oder schon Willkür?"

Zur Behauptung teilten die Userinnen und User Bilder, auf denen Klöckner offensichtlich gestolpert und zu Boden gefallen ist. "Julia wollte ihn aufhalten!", ist rot hinterlegt zu lesen.

Über einen Link führen die Posts zu einer Website. Sie ist gefüllt mit Beiträgen über angebliche "Eklats", "Enthüllungen" und "Skandalen". Ein fehlendes Impressum ist ein Hinweis dafür, dass es sich hierbei um keine seriöse Quelle handelt. Die Behauptung kursierte ebenfalls auf Youtube.

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Facebook-Screenshot der Behauptung, oranges Kreuz von AFP hinzugefügt: 27. Januar 2026

Doch die Fotos wurden aus dem Kontext gerissen und der Abgeordnete hielt seine Rede ohne Unterbrechung ab. Zudem widersprachen Fachleute dem Vorwurf, dass das Präsidium des Bundestags Maßnahmen willkürlich setzen würde.

Brandner hielt Rede ohne Unterbrechung

Stephan Brandner hielt am 12. September 2025 eine Rede im Bundestag, wie auf der Website des Bundestags circa ab Minute 07:30 nachverfolgbar ist. Seine Rede ist auch in einem Sitzungsprotokoll im Wortlaut nachzulesen. Die AfD-Fraktion veröffentlichte später selbst ein Video davon auf Youtube. Ein Standbild aus dem Video ist in den Posts mit der irreführenden Behauptung zu sehen, wie AFP mittels umgekehrter Bildsuche herausfand. Anders als behauptet, konnte Brandner die Rede ungestört halten.

In seiner Rede kritisierte Brandner eine anstehende Reform der Geschäftsordnung des Bundestags. Diese wurde am 16. Oktober 2025 beschlossen. Dafür stimmten CDU/CSU und SPD, dagegen die AfD und die Linksfraktion. Bündnis 90/Die Grünen enthielten sich.

Klöckner stürzte im Jahr 2020

Eine umgekehrte Bildsuche zeigt, dass die Aufnahmen von Klöckner, auf denen sie stürzt, alt sind und aus dem Jahr 2020 stammen. Mehrere Bilder und Medienberichte zeigen den damaligen Sturz aus verschiedenen Blickwinkeln. Auch die Gesichtsmaske, die sie dabei trug, ist ein Hinweis dafür, dass das Foto während der Covid-19-Pandemie aufgenommen wurde.

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Ein AFP-Fotograf fing den Sturz am 9. Dezember 2020 ein (AFP / Tobias SCHWARZ)

Damals war sie zudem nicht Bundestagspräsidentin, sondern Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft.

Auf den Fotos, die ausschnittweise auf dem Sharepic abgebildet sind, sind ebenfalls der ehemalige deutsche Innenminister Horst Seehofer (CSU) zu sehen, AfD-Chefin Alice Weidel sowie der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), der Klöckner laut Berichten nach ihrem Sturz die Brille reichte.

Ordnungsgeld ist laut Bundestag eine "Ausnahme"

Mitglieder der in Deutschland in Teilen als rechtsextrem eingestuften AfD klagten häufig über einen "Komplott der Altparteien" gegen sie und dass diese Institutionen zu ihren Ungunsten "instrumentalisieren" würden.

Beobachterinnen und Experten haben seit dem Einzug der AfD im Jahr 2017 eine Veränderung in der Debattenkultur des Bundestags festgestellt. r Julia Schwanholz vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen handele es sich "um historisch gewachsene Rituale und ungeschriebene Regeln, die die Zusammenarbeit und Atmosphäre im Parlament betreffen". Bevor die AfD im Bundestag einzog, sei "diese Kultur geprägt von Kooperation und einem respektvollen Miteinander" gewesen, sagte Schwanholz gegenüber AFP am 28. Januar 2026. Seitdem sei die Atmosphäre rauer geworden. Es fänden mehr "Aufhebungen von Immunität mit dem Ziel möglicher strafrechtlicher Verfolgung" statt. Störungen wie "Auslachen, Beleidigungen, Drohungen" sowie Abstimmungsverfahren wie Hammelsprünge und Ordnungsrufe seien "enorm gestiegen". Um dem entgegenzuwirken, seien die Strafen erhöht worden, erklärte Schwanholz. 

Dazu sagte ein Sprecher des Bundestags auf AFP-Anfrage am 27. Januar 2026, dass ein Bußgeld nicht automatisch verhängt wird, "wenn der oder die Sitzungsleitende eine formale Ordnungsmaßnahme erlässt". Es würde sich eher um "eine Ausnahme" bei wiederholten Vorfällen handeln, wie auf der Website nachzulesen sei, erklärte er.

Fachleute widersprechen dem Vorwurf der Willkür

Die Beiträge suggerieren eine "Willkür" des Präsidiums in der Erteilung der Ordnungsmaßnahmen. Diese seien laut Politologin Schwanholz "höchst schwerwiegend, und aus meiner Sicht auch haltlos".

Die Geschäftsordnung sei "nicht willkürlich, sondern mit der Mehrheit der Mitglieder des Parlaments" angepasst worden. Die Verschärfungen dienten dazu, "das Parlament und seine Arbeitskultur funktional und konstruktiv zu halten und damit gegen Versuche der Instrumentalisierung und Obstruktion zu schützen".

Christian Stecker, der sich an der TU Darmstadt unter anderem mit dem Effekt des Populismus auf Parlamente beschäftigt, sagte gegenüber AFP, dass "die Behauptung in der Tendenz irreführend" sei. Ordnungsgelder gebe es nicht, "weil dem Präsidium die Gesamtschau einer Rede nicht gefällt, sondern nur bei Verletzungen von Ordnung oder Würde des Hauses". Das Präsidium sei "zudem zur Neutralität verpflichtet, 'Gefälligkeit' kann damit gar kein Kriterium sein". Dennoch sei der Inhalt einer Rede besonders geschützt, "da man ja gerade möchte, dass inhaltliche Debatte stattfindet".

Florian Meinel ist Jurist und lehrt am Institut für Grundlagen des Rechts Abteilung für Staatstheorie, Politische Wissenschaften und Vergleichendes Staatsrecht an der Georg-August-Universität in Göttingen. Er sagte auf AFP-Anfrage am 29. Januar 2026: Die "Vergiftung der politischen Sprache" gehöre zu den "zentralen politischen Strategien der parlamentarischen extremen Rechten". Gegen Störungen "der Ordnung und Würde" des Bundestags könne sich dieser "durch die Sanktionierung von einer Rede schützen, die außer Eskalation und rhetorischer Gewalt keinen anderen Sinn" habe.

AFP berichtigte weitere innenpolitische Behauptungen.

Fazit: Die online aufgestellte Behauptung, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) sei gestürzt, während sie AfD-Abgeordneten Stephan Brandner davon abhalten wollte, "geheime Pläne der Altparteien" aufzudecken, ist irreführend. Die Fotos wurden aus dem Kontext gerissen und der Abgeordnete hielt die abgebildete Wortmeldung ohne Unterbrechung ab. Zudem widersprachen Fachleute, dass das Präsidium des Bundestags Ordnungsrufe willkürlich erteilen würde.

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