
Der digitale Euro der EZB löst online eine Flut von Falschinfos aus
- Veröffentlicht am 3. April 2025 um 13:49
- 3 Minuten Lesezeit
- Von: Michelle FITZPATRICK, AFP Deutschland
- Übersetzung: Lisa-Marie ROZSA
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Der digitale Euro ist im Wesentlichen eine elektronische Form von Bargeld, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) gedeckt wird. Die Entscheidung, einen digitalen Euro einzuführen, ist noch nicht gefallen, und eine mögliche Einführung wäre noch Jahre entfernt.
Als Christine Lagarde im März 2025 in einer Pressekonferenz jedoch auf eine Frist für den Übergang zur nächsten Vorbereitungsphase im Oktober 2025 hinwies, wurden in sozialen Medien alarmierende Nachrichten verbreitet, dass die Einführung unmittelbar bevorstehe.
Harald Vilimsky, Mitglied des Europäischen Parlaments der rechtskonservativen Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), gehörte zu denjenigen, die posteten, dass die EZB "den digitalen Euro im Oktober einführen will". Diese falsche Behauptung verbreitete sich in mehreren Sprachen.
Die Behauptung wurde auch auf X von Nicolas Dupont-Aignan, dem euroskeptischen Vorsitzenden der nationalpopulistischen Partei Debout la France, aufgegriffen. Er fügte der Falschbehauptung noch hinzu, dass dieses Projekt eine "Gefahr für unsere Freiheiten" sei.
Auch in anderen Beiträgen, die ebenfalls oft geteilt wurden, wurden falsche Annahmen wiederholt. Diese kursieren bereits seit Langem. Demnach wäre ein digitaler Euro mit einem "Ende des Bargelds" gleichzusetzen. Es wurde auch behauptet, dass der EZB dadurch ein Instrument der finanziellen Überwachung zur Verfügung stünde und sie Zahlungen "blockieren", "nachverfolgen" oder "auf Ersparnisse zugreifen" könne.
"Ihr Geld wird nicht mehr Ihnen gehören", heißt es in einem französischen Tiktok-Video, das mehr als 15.000 Mal geteilt wurde. Die online kursierenden Falschbehauptungen offenbaren ein weit verbreitetes "Misstrauen gegenüber zentralisierten Institutionen", so Vicky Van Eyck, Geschäftsführerin der "Positive Money Europe"-Kampagne.
Auch zu den jüngsten Äußerungen des französischen Präsidenten Emmanuel Macron und der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betreffend des Investitionsbedarfs kursierten online viele Falschbehauptungen. In diesen wurde etwa behauptet, dass den Menschen ihre Ersparnisse weggenommen werden würden.
EZB sieht "strategische Autonomie" Europas durch digitalen Euro
Die EZB und viele andere Zentralbanken weltweit prüfen oder führen digitales Zentralbankgeld (CBDC, Central Bank Digital Currency) ein, da die Verwendung von Bargeld abnimmt.
Seit der Covid-19-Pandemie haben Verschwörungserzählungen über Regierungen, die bargeldlose Gesellschaften planen, um die Bevölkerung zu kontrollieren, zugenommen. Beschäftigte der EZB haben sich aber immer bemüht, zu betonen, dass ein digitaler Euro Bargeld ergänzen und nicht ersetzen würde. Das von der EZB ausgegebene Geld wäre mit keinerlei Risiko verbunden. Es würde in einer digitalen Geldbörse aufbewahrt und Zahlungen könnten online oder offline getätigt werden, was eine bargeldähnliche Anonymität ermögliche. Die EZB gibt an, dass sie Transaktionen nicht direkt mit bestimmten Personen in Verbindung bringen könnte. Zudem würde ein digitaler Euro die "strategische Autonomie" Europas stärken, argumentiert die EZB.
Ein digitaler Euro würde direkte Geldtransfers zwischen Nutzerinnen und Nutzern ermöglichen. Außerdem würde dadurch ein europaweiter Zahlungsdienst angeboten werden, der die Abhängigkeit von US-Zahlungsriesen wie Mastercard, Visa, Apple Pay oder PayPal verringern könnte.
"Diese Abhängigkeit setzt Europa dem Risiko wirtschaftlichen Drucks und Zwang aus", warnte EZB-Chefökonom Philip Lane im März 2025 in Anspielung auf die transatlantischen Spannungen unter US-Präsident Donald Trump.
Lane fügte hinzu, dass ein digitaler Euro auch dem Einfluss der immer beliebter werdenden dollarbasierten "Stablecoins" entgegenwirken könnte. Dabei handelt es sich um private digitale Währungen, die an den US-Dollar gekoppelt sind und den Euro schwächen könnten, wenn sie in Europa weit verbreitet wären.
Digitaler Euro: Einführung ist langer Prozess
Einige Beobachterinnen und Beobachter bleiben kritisch. Ignazio Angeloni, ein ehemaliger Mitarbeiter der EZB und derzeit Stipendiat an der Mailänder Universität Bocconi, sagte, dass es in Europa bereits "eine Fülle" einfacher Zahlungsmöglichkeiten gebe und daher gar kein Bedarf an weiteren bestehe. Die Diskussionen über den digitalen Euro befänden sich noch in einem recht technischen Stadium, so Angeloni. Viele Menschen seien daran einfach "nicht interessiert".
Van Eyck sagte, dass das Interesse durch Pläne, eine Obergrenze für den Besitz digitaler Euro durch Verbraucherinnen und Verbraucher festzulegen, beeinträchtigt werden könnte.
Ein im März 2025 veröffentlichter Bericht der EZB ergab, dass zwischen 2022 und 2024 der Bekanntheitsgrad des digitalen Euros unter den Befragten in der Eurozone von 18 auf 40 Prozent gestiegen ist. Die potenzielle Bereitschaft, diesen auch zu nutzen, blieb jedoch unter 50 Prozent.
Die Entscheidung über die Einführung eines digitalen Euros wird erst getroffen, wenn es dazu auch eine entsprechende Gesetzgebung der Europäischen Union gibt – dies ist jedoch ein langsamer Prozess. Sollte der digitale Euro eingeführt werden, würde dies frühestens Mitte 2027 oder 2028 geschehen, teilten Funktionärinnen und Funktionäre gegenüber AFP mit.
Eine gute Kommunikation mit der Öffentlichkeit sei der Schlüssel zum Erfolg, so Van Eyck. "Wenn die Öffentlichkeit nicht mit an Bord ist, besteht die große Gefahr, dass der digitale Euro ein Flop wird", schloss sie.