Die Europäische Zentralbank mit Sitz in Frankfurt am Main ist, sofern die Einführung tatsächlich beschlossen wird, für die Ausgabe des digitalen Euro zuständig (AFP / KIRILL KUDRYAVTSEV)

Diese Behauptungen zum digitalen Euro sind inkorrekt

  • Veröffentlicht am 19. März 2025 um 16:55
  • Aktualisiert am 19. März 2025 um 17:34
  • 8 Minuten Lesezeit
  • Von: Elena CRISAN, AFP Österreich
Eine mögliche Einführung des digitalen Euro wird derzeit geprüft. Dazu kursieren Behauptungen, dass dies mit Oktober 2025 geschehen werde und die Abschaffung des Bargelds anstehe. Dadurch würde die EU zudem Zugang zu privaten Ersparnissen erhalten, hieß es in sozialen Netzwerken. Tatsächlich soll der digitale Euro aber das Bargeld ergänzen, nicht ersetzen, so Fachleute. Eine Einführung vor 2027 sei zudem "unwahrscheinlich".

Wie Bargeld, nur digital – der digitale Euro soll europäisches Zentralbankgeld in elektronischer Form verfügbar machen. Wie das in der Praxis konkret umgesetzt werden soll, arbeitet die Europäische Zentralbank (EZB) derzeit während einer internen Vorbereitungsphase aus. Wie Präsidentin Christine Lagarde in einer Pressekonferenz am 6. März 2025 ausführte, soll diese im Oktober 2025 abgeschlossen werden.

Davon machte ein Clip online die Runde. "DIGITALER EURO KOMMT AB OKTOBER 2025", hieß es dazu in zahlreichen Posts, etwa auf Threads am 9. März 2025. Diese Aussage wurde Lagarde zugeschrieben, obwohl die EZB-Präsidentin diesen Satz in dem geteilten Clip nie sagte. Die Behauptung verbreitete auch der österreichische EU-Abgeordnete Harald Vilimsky (FPÖ) am 11. März 2025. Ein vielfach geteilter Facebook-Beitrag warnte am 12. März 2025 vor der "Abschaffung des Bargelds" durch den digitalen Euro, eine Behauptung, die AFP so ähnlich bereits in der Vergangenheit widerlegte.

Auch eine kürzliche Aussage von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 10. März 2025 auf X wurde in Zusammenhang mit dem digitalen Euro gebracht und sorgte online für Empörung. "Warum der digitale Euro schon zum Herbst kommen soll?", fragten mehrere Userinnen und User am 12. März 2025. Ihre Schlussfolgerung: Weil die EU "an die privaten ERSPARNISSE der BÜRGER ran will". 

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Screenshots der Behauptungen auf Facebook: 14. März 2025 (links) und 17. März 2025

Sowohl die Aussage Lagardes bei der Pressekonferenz am 6. März 2025 als auch der X-Beitrag von der Leyens wurden aus dem Kontext gerissen und irreführend interpretiert.

Vorbereitungsphase für digitalen Euro endet im Oktober 2025

Die EZB lud am 6. März 2025 zu einem Medientermin ein, der bereits im Vorfeld viel diskutiert wurde. Die Entscheidung zu einer erneuten Zinssenkung sollte nämlich verkündet werden. Wie erwartet, senkte die EZB den Leitzins auf 2,5 Prozent.

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Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) Christine Lagarde am 6. März 2025 im Anschluss einer Sitzung des EZB-Rates (AFP / DANIEL ROLAND)

Im Anschluss der Ankündigung waren Fragen zugelassen. Eine davon lautete, etwas vom Hauptthema abweichend: "Wie kann die EZB die Schaffung eines digitalen Euro vorantreiben?" Die Fragestellerin erwähnte dabei, dass US-Präsident Donald Trump die Pläne einer digitalen Währung auf Eis gelegt hatte. Daraufhin antwortete Lagarde auf Englisch, sie hoffe, dass "wir diesen digitalen Euro letztlich nicht begraben, sondern realisieren können". Dann sprach sie von einer "Deadline" im Oktober 2025, für die man sich "bereit" mache. Gleichzeitig merkte Lagarde an: "Wir werden nicht in der Lage sein, voranzukommen, wenn [...] Kommission, Rat und Parlament – den Gesetzgebungsprozess nicht abschließen, ohne den wir nicht vorankommen können."

Der Originalwortlaut ist auf der Website der EZB nachzulesen sowie auf Youtube nachzuhören.

Wie die EZB am 13. März 2025 auf ihrem X-Account schrieb, handelte es sich bei der Deadline jedoch lediglich um den Abschluss einer Vorbereitungsphase, welche im November 2023 startete. Plangemäß endet diese nach zwei Jahren im Oktober 2025, dann steht die Entscheidung des EZB-Rates für eine nächste Etappe an. Das oberste Beschlussorgan der EZB könnte anschließend das Regelwerk zum digitalen Euro herausgeben, welches etwa ein Haltelimit definiert sowie die Frage klärt, wie viele Wallets, also digitale Geldbörsen, eine Person führen darf. Der volle Zeitplan zum digitalen Euro ist der EZB-Website zu entnehmen. Lagarde bestätigte also lediglich, dass die EZB diesen Zeitplan einhalten werde.

In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters am 6. Februar 2025 sagte Piero Cipollone, Mitglied des Direktoriums der EZB, dass es "nicht lange" dauere, bis das Regelwerk zum digitalen Euro fertiggestellt werden könne, sobald ein Gesetzesvorschlag dazu angenommen werde. Die meisten EU-Rechtsvorschriften werden gemeinsam vom EU-Parlament und vom Rat der EU verabschiedet, basierend auf einem Vorschlag der EU-Kommission.

Alexandre Stervinou, bei der französischen Nationalbank "Banque de France" für die Aufsicht des Zahlungsverkehrs zuständig, erklärte gegenüber AFP am 13. März 2025: "Um eines Tages einen digitalen Euro ausgeben zu können, werden wir mehrere Jahre brauchen, um dies zu erreichen." Er werde nicht vor Mitte 2027 oder 2028 konkret in die Praxis umgesetzt werden können. Und: Bis er eingeführt sei, könne es "zum Beispiel bis 2030" dauern. Die Worte von Lagarde seien fehlinterpretiert worden.

Bargeld bleibt gesetzliches Zahlungsmittel im Euroraum

"Bargeld wird nicht abgeschafft", hieß es aus der Österreichischen Nationalbank am 14. März 2025 gegenüber AFP. In Österreich ist Bargeld das beliebteste Zahlungsmittel. Weiter: "Niemand im Euroraum denkt daran, das Bargeld abzuschaffen." Das Gegenteil sei der Fall, die Euroscheine würden gar ein neues Design erhalten. Eine Einführung des digitalen Euro vor 2027 oder 2028 sei hingegen "unwahrscheinlich", hieß es.

Gefragt nach der Privatsphäre beim Bezahlen mit dem digitalen Euro sagte der Sprecher, dass Transaktionen anonymisiert sein würden. Das bedeute, dass die EZB die Person hinter der Zahlung nicht identifizieren können werde. Sie werde auch nicht erfahren können, wer eine digitale Wallet habe.

Der Gesetzesvorschlag der Europäischen Kommission zum digitalen Euro ist Teil eines Pakets. Im Juni 2023 legte die Kommission zwei Vorschläge vor, um die "Möglichkeit, Bargeld zu verwenden" zu gewährleisten sowie einen "Rechtsrahmen für einen digitalen Euro" zu schaffen. Die EU-Kommission erwartete auf AFP-Anfrage am 13. März 2025, dass die Einigung auf einen "gemeinsamen Zugang" zu einem Rechtsrahmen noch dieses Jahr möglich sei. "Der digitale Euro hat auch Vorteile für die strategische Autonomie Europas, insbesondere angesichts der heutigen übermäßigen Abhängigkeit von ausländischen Zahlungssystemen", schrieb ein Sprecher der Kommission zudem.

Laut Johannes Flume, Professor an der Paris Lodron Universität Salzburg und Experte für Geldrecht, stehen die Zeichen nicht auf eine baldige Einführung des digitalen Euro. Darauf müssen sich der Rat der EU, das Parlament sowie die Kommission erst einigen. Grundsätzlich sei davon auszugehen, dass das vorgelegte Paket sowohl Regelungen zum digitalen Euro wie auch solche zur Absicherung des Bargelds umfassen werde. Denn das erklärte Ziel sei auch, das physische Bargeld als zurzeit einziges gesetzliches Zahlungsmittel im Euroraum abzusichern.

Doch dem Experten zufolge könnte dies zu Schwierigkeiten in der Praxis führen. Weil EU-Verordnungen in allen Mitgliedstaaten gelten, müssten auf der anderen Seite Länder wie etwa die Niederlande, in denen Kartenzahlungen lieber genutzt werden, "Unternehmen dazu bringen, wieder Bargeld anzunehmen". Eine der entscheidenden Fragen, die laut Flume von den Institutionen beantwortet werden müsse, sei, inwieweit "der Einzelhandel in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) Bargeld ausschließen darf". "Man sollte hier restriktiv sein", so Flume in einem Telefonat am 14. März 2025, da "nur so die inklusive Wirkung und Akzeptanz des Bargelds im täglichen Leben abgesichert werden" könne. Die dazugehörigen Verhandlungsrunden können "lange dauern".

Während Geschäfte derzeit nicht verpflichtet sind, Kartenzahlungen zu akzeptieren, müssen sie grundsätzlich Euro in Cash annehmen. An dieser Annahmepflicht ändert die Einführung des digitalen Euro nichts. Das Bargeld ist gesetzlich abgesichert, etwa im Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV). "Durch einen Gesetzgebungsakt der EU kann nicht die Vorschrift des Art. 128 Abs. 1 Satz 3 AEUV geändert werden, wonach die Euro-Banknoten die einzigen Banknoten sind, die in der Union als gesetzliches Zahlungsmittel gelten", schrieb Christoph Ohler, Professor für Öffentliches Recht und Europarecht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Direktor des Center for European Studies an der selben Universität schrieb weiter: "Ebenso wenig" könnte dieser Gesetzgebungsakt das Recht der Mitgliedstaaten beschneiden, Euro-Münzen auszugeben. Außerdem stünden einer Abschaffung der gesetzlichen Zahlungsmittel laut Ohler in Deutschland zusätzlich "grundrechtliche Schranken" entgegen.

"Der digitale Euro wird nicht dazu da sein, das Bargeld zu ersetzen", fasste Stervinou von der französischen Nationalbank zusammen. Er hoffe, "dass der digitale Euro im digitalen Raum in etwa den gleichen Bedarf wie Bargeld decken kann – neben anderen Zahlungsinstrumenten".

Kommission äußerte sich zu Post von der Leyens

In einem X-Post der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hieß es am 10. März 2025 übersetzt: "Wir werden private Ersparnisse in dringend benötigte Investitionen umwandeln." Dazu lud ihr Social Media-Team ein Video hoch, auf dem unter anderem Christine Lagarde zu sehen ist. "Deswegen auch die Abschaffung des Bargeldes", behauptete eine Userin dazu am 12. März 2025 auf Facebook. Mit dem digitalen Euro "kommt man schneller an die Ersparnisse der Bürger", hieß es fälschlich in dem Post.

In einem Statement äußerte sich das Presseteam der Kommission am 17. März 2025 auf Nachfrage auch zu diesem Thema. Von der Leyen wies demnach darauf hin, dass "den EU-Bürgerinnen und -Bürgern mehr Möglichkeiten angeboten werden sollen, wenn sie ihre Ersparnisse an den EU-Kapitalmärkten investieren möchten". Diese Bestrebungen seien Kern des Gesamtkonzepts zur Spar- und Investitionsunion (SIU). Das Ziel sei, "die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an den Kapitalmärkten [...] zu erhöhen". Allerdings: "Die EU wird die Bürgerinnen und Bürger keinesfalls zu Investitionen an den Kapitalmärkten zwingen." Die SIU ziele darauf ab, "ein günstigeres Umfeld für diejenigen schaffen, die investieren möchten".

Fazit: In sozialen Netzwerken verbreiteten sich Behauptungen, dass der digitale Euro im Oktober 2025 eingeführt werde, der die Abschaffung des Bargelds bedeute. Dazu wurden Aussagen der EZB-Präsidentin Christine Lagarde und der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen aus dem Kontext gerissen und irreführend interpretiert. Doch im Herbst 2025 steht erst der Abschluss einer Vorbereitungsphase des Projekts an, nicht das Ausrollen des digitalen Euro. Laut Experten bleibt das Bargeld weiterhin gesetzliches Zahlungsmittel.

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