Die Nachrichtenagenturen Reuters und Associated Press gehören nicht der Rothschild-Familie

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Nutzerinnen und Nutzer haben Anfang Mai in sozialen Medien behauptet, dass die Bankiersfamilie Rothschild Eigentümerin der beiden weltweit tätigen Nachrichtenagenturen Reuters und Associated Press (AP) sei. Den Mehrheitsanteil von Reuters hält die Woodbridge Company, die keine Verbindung zur Familie Rothschild hat, während AP eine Genossenschaft ist, die ihren US-amerikanischen Zeitungs- und Rundfunkmitgliedern gehört.

Hunderte User verbreiteten die Behauptung von der Medienkontrolle der Rothschilds Anfang Mai 2022 auf Facebook (hier, hier), Zehntausende sahen sie auf Telegram. Auch auf Englisch haben Nutzerinnen und Nutzer die Behauptungen verbreitet. Eine ähnliche Behauptung kursiert bereits seit mindestens 2014.

Die Behauptung: "Heute gibt es 6 Medienunternehmen, früher waren es 88. Alle 6 beziehen ihre Nachrichten von Reuters und Associated Press. Reuters besitzt die AP, und Rothschild besitzt Reuters", steht über einem Bild, das Jacob Rothschild zeigt. Er ist Mitglied der Rothschild-Familie und Gründer der Investmentgesellschaft RIT Capital Partners.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 16.05.2022

Rothschild-Familie im Zentrum von Falschinformationen

Die jüdische Bankiersfamilie Rothschild zählte im 19. Jahrhundert zu einer der einflussreichsten Geldgeber Europas. Dank ihres Unternehmens Rothschild & Co ist die Familie auch heute noch vermögend. Der Name der Familie ist neben ihrer Aktivität im Finanzwesen vor allem im Kontext von antisemitischen Verschwörungsmythen bekannt, die sich gegen sie richten. AFP hat in der Vergangenheit mehrere solcher Behauptungen widerlegt, etwa dass ein Mitglied der Familie bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie ein Patent für einen Covid-19-Test angemeldet habe oder dass der Vorsitzende des Weltwirtschaftsforums (WEF), Klaus Schwab, mit der Familie verwandt sei.

Kern dieser Mythen ist der Glaube an eine vermögende Elite, die im Geheimen das Finanzsystem und die Politik beherrscht und zu ihrem Vorteil nutzt. "Der Name der Familie Rothschild erfüllt bis heute die Funktion, eine vermeintlich jüdische Allmacht über das weltweite Finanzwesen zu konstruieren", schreibt etwa die Historikerin Juliane Wetzel 2020 in einem Beitrag für die Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit. 

In einem Erklärvideo begründet das "Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus" die Verwendung des Begriffs Rothschild so: "Nach der Shoah war offener Hass gegen Juden ein Tabu und so fingen Rechtsextreme und andere Antisemiten damit an, Codewörter für die angebliche Verschwörung der Juden zu finden. Und so wurde der Name Rothschild zu einem international verbreiteten Code für die Verschwörungstheorien, die bewusst oder unbewusst, Juden mit der Kontrolle von Finanzen oder Kapitalismus identifizierten." 

Es ist nicht klar, auf welche sechs beziehungsweise 88 Medienunternehmen sich der das Posting bezieht. Die Gesamtzahl der Medienunternehmen in der Welt übersteigt beide Zahlen weit.

Die Nachrichtenagentur Reuters

Reuters ist eine der größten Nachrichtenagenturen der Welt. Sie wurde 2008 von der Thomson Reuters Corporation (TR), einem kanadischen Medienkonglomerat, übernommen und trägt seither den Namen Thomson Reuters.

Laut dem Jahresbericht 2021 von Thomson Reuters ist die Woodbridge Company mit 67 Prozent Stammaktien Haupt- und Mehrheitsaktionär der Nachrichtenagentur. "Woodbridge steuert unser Unternehmen und ist in der Lage, unsere Unternehmensführung und Geschäftstätigkeit zu beeinflussen", heißt es in dem Bericht. Der Name Rothschild kommt darin nicht vor.

Woodbridge, die Investmentgesellschaft der Familie Thomson, wird gemeinsam von Peter John Thomson und David Kenneth Roy Thomson geleitet. Die Familie Thomson hält ein Verlagsimperium und ist eine der vermögendsten Familien Kanadas. Die Beteiligung von Woodbridge an der Nachrichtenagentur Thomson Reuters ist außerdem in einer Einreichung bei der US-Wertpapier- und Börsenaufsichtsbehörde vom 31. Dezember 2021 aufgeführt.

Die Nachrichtenagentur AP

Auch die Behauptung, dass Reuters die Agentur Associated Press besitze, ist falsch. AP sei eine "unabhängige, nicht gewinnorientierte Nachrichtenkooperative, die niemandem gehört", sagte ein Sprecher von AP am 4. Mai gegenüber AFP. "Reuters besitzt AP nicht."

Laut einem Bericht des sozialwissenschaftlichen Roper Center der US-amerikanischen Cornell University sei AP "weder in Privatbesitz noch wird es von der Regierung finanziert; stattdessen kann es als gemeinnützige Nachrichtenkooperative, die sich im Besitz ihrer US-amerikanischen Zeitungs- und Rundfunkmitglieder befindet" beschrieben werden.

In einem von Forscherinnen und Forschern der US-Universität Harvard erstellten Index heißt es ebenfalls: AP wurde "als unabhängige Nachrichtenkooperative gegründet, deren Mitglieder US-amerikanische Zeitungen und Rundfunkanstalten sind."

Bis zum 9. Mai hat AFP keine offiziellen Berichte oder Erklärungen gefunden, die die Behauptung unterstützen, dass die Rothschild-Familie Eigentümer von Reuters und AP ist.

Der Jahresbericht 2021 von Rothschild & Co, die von der Familie kontrollierten Rothschild-Bankengruppe, erwähnt den Besitz der beiden Nachrichtenagenturen nicht.

Die Beiträge scheinen auch die Arbeit von Medienunternehmen misszuverstehen. Während viele von ihnen tatsächlich viel Gebrauch von Bildern und anderem Material von Nachrichtenagenturen – einschließlich dem von AFP – machen, arbeiten Qualitätszeitungen und Sender auch unabhängig an Berichten mit eigenen Informationsquellen.

Fazit: Die Nachrichtenagenturen Thomson Reuters und Associated Press gehören nicht der Familie Rothschild. Den Mehrheitsanteil von Reuters hält die Woodbridge Company, die keine Verbindung zur Familie Rothschild hat, während AP eine Genossenschaft ist, die ihren US-amerikanischen Zeitungs- und Rundfunkmitgliedern gehört.

20. Mai 2022 "amerikanisch" zu "US-amerikanisch" konkretisiert
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