
Nein, Öle im Bauchnabel heilen nicht verschiedene Krankheiten
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- Veröffentlicht am 30. März 2022 um 09:19
- 6 Minuten Lesezeit
- Von: Feliks TODTMANN, AFP Deutschland
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Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Mitte Februar einen Beitrag auf Facebook geteilt (hier, hier), der falsche Behauptungen über den menschlichen Bauchnabel und dessen angebliche medizinische Funktion verbreitet. Der Text wurde in verschiedenen Versionen Tausende Mal auf Facebook geteilt. Ähnliche Postings verbreiteten sich zudem auf Englisch und Spanisch.
Die Behauptung: Der Beitrag stellt verschiedene Behauptungen über den menschlichen Bauchnabel auf. Angeblich sei der Nabel "der erste Teil, der nach der Empfängnis entsteht". Hinter dem Nabel befinde sich zudem der sogenannte "Pechoti", der 72.000 Venen aufweise. Es folgt eine Aufzählung von insgesamt 18 verschiedenen Anwendungen, bei denen verschiedene Öle oder Alkohol in den Bauchnabel gegeben werden sollen, um spezifische Beschwerden oder Erkrankungen zu lindern oder zu heilen. So helfe etwa Senföl im Bauchnabel, "trockene. rissige Lippen zu entfernen", und lindere Gelenkschmerzen. Oliven- oder Kokosöl verbesserten die Fruchtbarkeit, und gegen Knieschmerzen helfe es, "3 Tropfen Rizinusöl auf den Bauchnabel" zu geben.

Medizinisch betrachtet ist der Nabel eine Narbe
Die Behauptungen in dem Beitrag sind aus medizinischer Sicht nicht belegt. Das bestätigten verschiedene medizinische Experten unabhängig voneinander gegenüber AFP.
Stefan Grund ist Facharzt für Viszeralchirurgie und leitender Oberarzt am Vivantes Klinikum Spandau in Berlin. Die Viszeralchirurgie befasst sich mit chirurgischen Eingriffen in den Bauchraum. Ihre Anwendungsgebiete sind Erkrankungen der inneren Organe wie Darm, Leber, Bauchspeicheldrüse, Speiseröhre, Magen und Galle, aber auch Leisten-, Narben- oder Nabelbrüche.
"Der Bauchnabel ist aus medizinischer Sicht eine Narbe", erklärte Grund am 23. Februar 2022 in einer E-Mail gegenüber AFP. Im Mutterleib werden Babys über die Nabelschnur mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Nach der Geburt stellen sich der Kreislauf und die Stoffwechselprozesse des Neugeborenen um und die Gefäße der Nabelschnur verschließen sich. Durch den Verschluss stirbt der nicht mehr durchblutete Rest der Nabelschnur ab und fällt etwa drei bis zehn Tage nach der Geburt ab. Zurück bleibt eine vernarbte Vertiefung, die als Bauchnabel bezeichnet wird.
"Aus schulmedizinischer Sicht trägt der Nabel keinerlei Funktion mehr", erklärte Grund. Aus Sicht der Viszeralchirurgie bilde er eine Schwachstelle am ehemaligen Durchtritt der Nabelgefäße. Diese sei prädestiniert für Bauchwandbrüche, sogenannte Hernien.
Behauptung: Der Bauchnabel ist der erste Teil, der nach der Empfängnis entsteht
Die Behauptung ist irreführend. Nach der Befruchtung durchläuft die Eizelle verschiedene embryonale Entwicklungsstadien. Zunächst nistet sich die befruchtete Eizelle innerhalb der ersten fünf bis sechs Tage in der Gebärmutter ein. Durch weitere Zellteilungen entstehen verschiedene funktionale Bereiche.
Erst in der zweiten Schwangerschaftswoche entwickelt sich der sogenannte Haftstiel, ein Vorläufer der späteren Nabelschnur. Die Nabelschnur selbst bildet sich erst am Ende der 13. Schwangerschaftswoche heraus. Sie verbindet den Embryo mit der Plazenta und setzt im unteren Bereich des Bauchs des Ungeborenen an, wo sie mit dem Darmgewebe des Ungeboreren verbunden ist.
Nach der Geburt stellt die Nabelschnur ihre Tätigkeit ein und stirbt ab. An der Stelle, an der die Nabelschnur mit dem Neugeborenen verbunden war, entsteht später der Nabel. Der Bauchnabel im engeren Sinne sei im Mutterleib gar nicht vorhanden, erklärte Stefan Grund: "Technisch betrachtet entsteht der Nabel ja erst durch das Abfallen des Nabelschnurrestes."

Behauptung: Hinter dem Nabel befindet sich der Pechoti
In den aktuell geteilten Postings heißt es: "Der Pechoti befindet sich hinter dem Nabel, der 72.000 Venen aufweist." In der traditionellen ayurvedischen Heilkunst gilt der Pechoti als "Zentrum des Körpers" und liegt etwas über dem Nabel. Eine Drüse, ein Gefäß- oder Nervenknotenpunkt, der sich hinter dem Bauchnabel befindet, ist jedoch laut Viszeralchriurg Grund bislang nicht bekannt: "Es gibt keinen anatomischen Nachweis der oft zitierten 'Pechotidrüse' am Nabel, durch die angeblich Substanzen aufgenommen und im Körper verteilt werden können."
In der Komplementärmedizin und insbesondere in der ayurvedischen Lehre werden dem Nabel besondere spirituelle Eigenschaften zugewiesen. Laut einer 2014 veröffentlichten Studie gibt es jedoch bislang kaum wissenschaftliche Beweise für die tatsächliche Wirksamkeit der ayurvedischen Medizin. Das bestätigte auch Grund gegenüber AFP: Bislang ließen sich Chakren oder ähnliche Strukturen mithilfe wissenschaftlicher Methoden nicht nachweisen.
Behauptung: Öle helfen im Bauchnabel besonders gegen verschiedene Erkrankungen
Laut der aktuell geteilten Postings lassen sich verschiedene Krankheiten durch die Behandlung des Bauchnabels mit bestimmten Ölen therapieren. Die Behauptungen sind irreführend und widersprechen teilweise aktuellen medizinischen Erkenntnissen.
Andreas Timmel ist Hautarzt in Bergen auf Rügen und Vorsitzender des Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern im Bundesverband Deutscher Dermatologen. Er sagte am 9. März in einem Telefoninterview mit AFP: "Es hat keine medizinisch nachgewiesene Wirkung, sich Öl in den Bauchnabel zu geben, außer, dass die Haut dadurch womöglich etwas geschmeidiger wird."
Langkettige Öle wie Olivenöl könnten wegen ihrer chemischen Struktur von der Haut nicht aufgenommen werden, erklärte Timmel. Kurzkettige Öle könnten hingegen als Trägersubstanzen für gewisse Wirkstoffe fungieren. Diese ließen sich für eine mögliche Wirkung jedoch auch an anderen Hautarealen mit dünner Haut wie dem Ellenbogen oder der Halsregion auftragen, um in geringem Maße durch die Haut aufgenommen werden zu können. "Der Bauchnabel bildet hier keine besonders geeignete Zone", erklärte Timmel.
Das bestätigte auch Stefan Grund vom Vivantes-Klinikum Berlin-Spandau: "Die Trägeröle vieler Anwendungen wie zum Beispiel Olivenöle können unter anderem aufgrund ihrer Molekülgröße nicht in relevanter Menge durch eine gesunde Haut in den Kreislauf aufgenommen werden." Bestenfalls hätten sie daher lediglich eine pflegende und reinigende Wirkung auf die Haut. "Hier erfüllt die Haut ihre naturgemäße Schutzfunktion, die Aufnahme von möglicherweise schädlichen Substanzen unserer Umwelt in den Körper zu verhindern."
Sogenannte ätherische, also kurzkettige und leicht flüchtige Öle, könnten im Gegensatz dazu durch die Haut in den Kreislauf aufgenommen werden und hier eine messbare Wirkung entfalten, erklärte Grund. Dabei komme dem Bauchnabel jedoch keine besondere Rolle zu. "Da der Nabel keine herausgehobene anatomische Position hat, ist die Aufnahme von Wirkstoffen durch die Haut in Hautarealen von ähnlicher Beschaffenheit gleich." Kümmelöl und Anisöl würden etwa in entsprechender Dosierung leicht entblähend wirken und in Salben für Säuglinge verwendet. Diese sollten allerdings auf dem gesamten Bauch einmassiert werden.
Ätherische Öle und Alkohol – wie in den aktuell geteilten Postings empfohlen – können zudem bei zu hoher Dosierung zu Hautreizungen und möglicherweise zu Allergien führen, erklärte Grund. "Wichtig ist hier die geeignete Dosis, da die Wirkung eines konzentrierten ätherischen Öles reizend bis toxisch sein kann." Bei vorgeschädigter Haut könnten sie sogar Vergiftungserscheinungen auslösen. Insbesondere Säuglinge und Kleinkinder hätten hier aufgrund ihrer schwächeren Hautschutzbarriere, ihres geringeren Körpergewichtes und der geringeren Entgiftungsleistung von Leber und Nieren ein höheres Risiko.
Fazit: Die Behauptungen in den Facebook-Postings lassen sich medizinisch nicht belegen. Der Bauchnabel ist aus medizinischer Sicht eine Narbe und hat nach aktuellem wissenschaftlichen Kenntnisstand keine besondere medizinische Funktion. Viele der genannten Öle können aufgrund ihrer chemischen Struktur nur schlecht von der Haut aufgenommen werden. Andere Öle und Alkohole können tatsächlich über die Haut in den Kreislauf aufgenommen werden. Dabei weist der Bauchnabel jedoch keine bessere Aufnahmefähigkeit als andere Körperregionen auf. Bei Überdosierung können sie jedoch zu Hautreizungen oder gar zu allergischen Reaktionen führen.