Nein, dieses Zertifikat beweist kein Graphenoxid im Trinkwasser Spaniens

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Facebook-Nutzerinnen und Nutzer haben seit Ende August in zahlreichen Sprachen einen angeblichen "Wasserdiagnosebericht" aus Spanien geteilt. Das Zertifikat soll die Verunreinigung von spanischem Trinkwasser mit Graphenoxid belegen. Eine AFP-Nachfrage beim ausstellenden Heilzentrum ergab allerdings, dass es sich beim Diagnosebericht lediglich um eine private heilmedizinische Begutachtung von Kosmetika handelt. Das spanische Gesundheitsministerium kontrolliert regelmäßig die Qualität des Trinkwassers und hat keine Kenntnis von Verunreinigungen mit Graphenoxid.

Ein offiziell wirkendes, gestempeltes Dokument mit dem spanischen Titel "Wasserdiagnosebericht" haben Dutzende Nutzerinnen und Nutzer seit Ende August auf Facebook geteilt (hier, hier, hier). Tausende sahen es auf Telegram (hier, hier, hier). Weitere Posting-Versionen existieren auf Spanisch, Französisch, Kroatisch, Niederländisch und Englisch.

Die Behauptung: Spanisches Trinkwasser enthalte Graphenoxid. Belegt wird das anhand eines Dokuments einer deutschen Heilpraxis in Zusammenarbeit mit einer "spanischen Delegation".

Facebook-Screenshot der Behauptung: 09.09.2021

Graphenoxid ist ein kohlenstoffbasiertes Material und ein Folgeprodukt des Stoffes Graphen, welches antibakterielle und antivirale Eigenschaften aufweisen soll. Es ist "relativ wenig" giftig, wie der Experte für Nanomaterialien, Hong Byung Hee, für einen anderen Faktencheck am 19. Juli gegenüber AFP festhielt. Der Stoff ist immer wieder Ziel von Falschbehauptungen in sozialen Netzwerken. Nutzerinnen und Nutzer behaupteten in der Vergangenheit etwa, dass die Substanz in Impfstoffen enthalten sei, AFP hat das hier widerlegt.

Was analysiert der Bericht?

Der angebliche Wasserdiagnosebericht vom 24. August 2021 ist von einer "spanischen Delegation" und der "Heilpraxis Scheller" unterzeichnet. Eine Google-Suche nach der am Papier angegebenen Adresse sowie Website der Heilpraxis führte AFP zum Heilzentrum Scheller in Radolfzell am Bodensee.

Laut Selbstbeschreibung auf der Website der Heilpraxis handelt es sich dabei um ein Zentrum für "ganzheitliche Heilung", die unter anderem eine "dunkelfeldmikroskopische Vitalblutanalyse und radionische Testung" anbietet. Mit diesen Analysen wolle man etwa einen "Einblick in die Qualität des Blutes" bieten, mit dem Ziel, das "Blutmilieu wieder ins Gleichgewicht zu bringen".

Der in sozialen Medien geteilte Bericht der Heilpraxis gibt drei gefundene Substanzen an, die diese mit mittels radionischer Testung gefunden haben will: Benzopyren, den Erreger der Japanischen Enzephalitis und das bereits erwähnte Graphenoxid. Benzopyren ist ein Kohlenwasserstoff, der Krebs erzeugen kann, und Japanische Enzephalitis ist eine Viruserkrankung, die Stechmücken vor allem in Asien und im Pazifikraum verbreiten. Die Einheiten der gemessenen Inhaltsstoffe fehlen im geteilten Bericht. Wie viel davon angeblich gefunden sein soll, bleibt damit unklar.

AFP hat beim Heilzentrum nach dem vermeintlichen Wasserdiagnosebericht gefragt. Am 2. September schrieb Geschäftsleiterin Stefanie Scheller: "Das Dokument wurde von uns für eine spanische Kundin verfasst, die es leider online gestellt hat. Jedoch wurde kein Wasser getestet wie gesagt, sondern Kosmetika."

Es sei eine "radionische energetische Testung" vorgenommen worden, bestätigte Scheller noch einmal. Das Heilzentrum erklärt Radionik auf seiner Website als Beschäftigung mit "feinstofflichen Energiefeldern und deren Auswirkung auf den organischen Körper", ohne dabei weitere wissenschaftliche Grundlagen zu nennen.

Die "spanische Delegation" bezieht sich auf eine Zweigniederlassung des Gesundheitszentrums Scheller in Madrid, das dort in der im Bericht genannten Straße sitzt.

Wasserkontrolle in Spanien

In Spanien ist das Nationale Informationssystem für Trinkwasser (Sinac) des Gesundheitsministeriums für die Sammlung von Informationen über die "Qualität des Trinkwassers für Menschen" zuständig. Sein Hauptziel sei es, "möglichen Gesundheitsrisiken aufgrund einer möglichen Verunreinigung des Trinkwassers vorzubeugen", erklärte Sinac am 3. September gegenüber AFP. Dies geschehe "auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene", indem "Informationen über Versorgungsgebiete, Einzugsgebiete, Aufbereitungsanlagen, Reservoirs, Transportbehälter, Verteilungsnetze, Kontrolllabors und sanitäre Inspektionen" verarbeitet würden.

Was genau kontrolliert wird und wer kontrolliert, ist in Spanien gesetzlich festgelegt. Die Gesundheitskriterien für die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch werden durch den Königlichen Dekret 140/2003 vom 7. Februar 2003 geregelt. In dieser Verordnung heißt es, dass "Tätigkeiten und Produkte, die direkt oder indirekt negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben können, der Kontrolle durch die öffentlichen Verwaltungen und der Durchführung von Hygienemaßnahmen zur Verbesserung der Wasserversorgungssysteme unterliegen".

In Artikel 20 des Königlichen Dekrets 902/2018 sind die Parameter festgelegt, die kontrolliert werden müssen. Dazu gehören Geruch, Geschmack, Farbe, Trübung, pH-Wert und Leitfähigkeit.

Erhöhte Werte für Graphenoxid habe es keine gegeben, erklärte Sinac: Es gibt "keine Erfassung von 'Graphenoxid'".

Darüber hinaus gab Sinac an, dass die im Diagnosebericht erwähnte Zweigstelle des deutschen Heilzentrums "nicht im System registriert ist und daher nicht überprüft werden kann, ob er die Mindestanforderungen an solche Labors erfüllt".

Das Dokument der Heilpraxis gibt zwar keine Details dazu an, einige spanische User verorten die angebliche Wasserstichprobe allerdings in Andalusien, meist in der Provinz Huelva (hier, hier). Das Unternehmen Giahsa, einer der Versorger der Provinz Huelva, schrieb an AFP, dass der verbreitete "Bericht der angeblichen Analyse sich nicht auf das Wasser von Huelva oder seiner Provinz bezieht".

Sinac erklärte außerdem, es gebe keine Aufzeichnungen über "die Verwendung von 'Graphenoxid' in der Zusammensetzung der Umkehrosmose-Membranen" in den Trinkwasseraufbereitungsanlagen im Bezirk Huelva. Umkehrosmose-Anlagen dienen zur Entsalzung und Reinigung von Wasser.

Fazit: Es gibt keine Hinweise auf Graphenoxid in spanischem Trinkwasser. Das spanische Trinkwasserinformationssystem Sinac gab an, dass es keine Erfassung von Graphenoxid gibt. Das Heilzentrum, das die vermeintliche Wasseranalyse vornahm, gab an, dass es sich dabei um eine Testung von Kosmetika einer spanischen Kundin gehandelt habe.

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