Nein, deutsche Einkommen und Renten sind im europäischen Vergleich nicht die geringsten

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Tausende User haben seit Ende Juni eine Behauptung auf Facebook geteilt, wonach Deutschland angeblich das geringste Durchschnittseinkommen und die geringsten Renten in Europa habe. Offizielle Daten sowie Expertenaussagen zeigen aber: Deutschland liegt im europäischen Durchschnitt.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben das Bild mit der Behauptung auf Facebook geteilt (hier, hier, hier).

Die Falschbehauptung: Auf einer geteilten Bildkarte heißt es: "Das reiche Deutschland, wir haben das geringste Durchschnittseinkommen, die geringsten Renten und die dümmsten Wähler."

Facebook-Screenshot der Falschbehauptung: 24.08.2021

AFP hat die Statistik-Portale Eurostat, Statista und Destatis nach Informationen zu Einkommens- und Rentenvergleichen durchsucht und außerdem Experten zum Thema kontaktiert.

Deutschland hat nicht das geringste Durchschnittseinkommen

Die Datenbank Eurostat, welche zum statistischen Amt der Europäischen Union gehört, gibt den durchschnittlichen Monatsverdienst in seinen aktuellen Daten Stand August 2021 in Deutschland mit 3349 Euro für das Jahr 2018 an. Damit liegt Deutschland im europäischen Vergleich unter den ersten zehn Staaten.

Nach Angaben des Statistik-Dienstleisters Statista belief sich das durchschnittliche Bruttoeinkommen eines Vollzeitbeschäftigten in Deutschland 2018 sogar auf 3715 Euro. Im Vergleich der EU-Staaten lag Deutschland demnach auf dem dritten Platz hinter Dänemark und Luxemburg.

Der jährliche Nettoverdienst beläuft sich in Deutschland bei Alleinstehenden derweil auf 31.830,70 Euro, wie Statista angibt. Damit belegt Deutschland im Jahr 2020 den neunten Rang unter den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Der EU-Durchschnitt liegt demnach nur bei 24.004,90 Euro.

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) weist zudem darauf hin, dass für einen Vergleich der Einkommen die Kaufkraft berücksichtigt werden müsse. Dafür kann ein sogenannter Kaufkraftstandard (KKS) verwendet werden. Dabei handelt es sich um eine "künstliche Währungseinheit". Eurostat beschreibt diese so: “Theoretisch kann mit einem KKS in jedem Land die gleiche Menge an Waren und Dienstleistungen erworben werden.” So können beispielsweise preisliche Unterschiede zwischen verschiedenen Staaten angeglichen werden. Auf Basis der KKS erreichte Deutschland 2017 laut bpb den vierten Rang innerhalb der EU.

2019 erzielte Deutschland im europäischen Vergleich demnach den neunten Platz beim Blick auf diesen Kaufkraftstandard. Damit lag die Bundesrepublik über dem Durchschnitt der EU und des Euroraums.

Wie das Statistische Bundesamt auf seiner Webseite angibt, verfügte Deutschland 2018 dabei über eine auffällig hohe Niedriglohnquote. Damit ist der Anteil der Beschäftigungen gemeint, die mit einem Niedriglohn vergütet werden. In Deutschland lag dieser Anteil 2018 bei 20,7 Prozent. Das entspricht dem sechst-höchsten Anteil innerhalb der Europäischen Union. Laut Bundeszentrale für politische Bildung lag die deutsche Niedriglohnschwelle 2017 bei einem Wert von 2140 Euro brutto.

Wie schneiden die deutschen Renten ab?

Deutsche Bürgerinnen und Bürger ab einem Alter von 65 Jahren verfügen über ein höheres mittleres Einkommen als Einwohner zahlreicher anderer europäischer Staaten, wie aus der Datenbank Eurostat hervorgeht. Dort wird für Deutschland im Jahr 2019 bei der Altersgruppe über 65 Jahren ein mittleres Einkommen von 20.425 Euro angegeben.

Auch der Anteil der Rentenausgaben am deutschen Bruttoinlandsprodukt lag 2018 laut Statista bei 11,8 Prozent. In Europa belegt Deutschland damit den elften Rang, was den Anteil an Rentenzahlungen aus der Staatskasse betrifft.

Auf Anfrage der AFP vom 27. August erklärte Dr. Dirk von der Heide, Sprecher der Deutschen Rentenversicherung, die Höhe der Renten in verschiedenen Ländern sei kaum miteinander zu vergleichen. "Es gelten in vielerlei Hinsicht nicht die gleichen Parameter für beispielsweise die Gewährung, die Berechnung und Zahlung einer Altersrente. Zudem muss die Höhe der Rente auch immer im Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten des jeweiligen Landes gesehen werden." Die deutschen Renten seien im internationalen wie auch im europäischen Vergleich sicherlich nicht die geringsten.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) listete in einem Bericht für das Jahr 2019 für ihre Mitgliedsstaaten die sogenannte Netto-Rentensersatzquoten im Vergleich. Dieser Prozentsatz spiegelt wider, welcher Anteil vom vorherigen Einkommen im Durchschnitt noch als Rente verfügbar ist.

Für Durchschnittsverdiener, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben, ergibt sich dabei in der OECD ein Durchschnitt von 59 Prozent. Deutschland liegt mit 51,9 Prozent sowohl unter OECD- als auch EU-Durchschnitt. Der deutsche Durchschnittsverdiener bekommt demnach gut die Hälfte seines Einkommens als Rente ausgezahlt.

Nichtsdestotrotz weisen zahlreiche Länder in Europa laut OECD eine noch geringere Netto-Rentensersatzquote auf, darunter Großbritannien, Polen oder auch die Schweiz.

Prof. Dr. Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München erklärte am 30. August auf AFP-Anfrage: "Die deutschen Renten sind im europäischen Vergleich gering, vor allem im Vergleich zu den reichen Ländern Europas, aber nicht die geringsten." Zudem sei die Höhe der Renten in Deutschland insbesondere über die vergangenen zehn Jahre deutlich gestiegen.

"Auch in Zukunft wird die Kaufkraft der Renten steigen, allerdings die Ersatzrate fallen, weil nach derzeitiger Gesetzeslage die Renten nicht mehr ganz so schnell steigen werden wie die Löhne," erklärte Börsch-Supan.

Fazit: Weder die deutschen Einkommen, noch die deutschen Renten können als "die geringsten" bezeichnet werden. Die Zahlen aus deutschen und europäischen Datenbanken widerlegen die Behauptungen.

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