Nein, das Alte Rathaus in Leipzig ist nicht in der Erde versunken

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Hunderte Nutzerinnen und Nutzer haben seit Mitte August eine Behauptung auf Facebook geteilt, wonach die Stadt Leipzig abgesunken sei. Zwei geteilte Bilder sollen belegen: Ein zusätzliches Stockwerk auf einer jahrhundertealten Abbildung des Alten Rathauses sei mittlerweile verschwunden. Das Niveau des Marktplatzes liege angeblich heute höher. Das Stockwerk verschwand tatsächlich, allerdings in Folge eines Umbaus.

Mehrere hundert User haben die Bilder des Alten Rathauses in Leipzig auf Facebook geteilt (hier, hier). Auf einer ersten Abbildung, die aus dem Jahr 1593 stammen soll, ist ein Stockwerk mehr an dem Gebäude zu sehen, als auf einem Foto, das aus der heutigen Zeit stammt. 

Der Hauptverbreiter des Beitrags teilt zahlreiche Bilder, die einen Zusammenhang zu einer vergessenen Hochkultur herstellen sollen. Auch ein Bloomberg-Artikel zu der Verschwörungserzählung des sogenannten "Tataren-Reichs" wird in diesem Zusammenhang geteilt. Teil dieser Erzählung ist demnach, dass Gebäude dieser Zivilisation verschüttet wurden, um deren Geschichte auszulöschen.

Die Falschbehauptung: Im Bildtext fragen die Posting-Autoren: "Da fehlt doch ein ganzes Stockwerk beim ‘Alten Rathaus’ in Leipzig?" Basierend auf den Bildern muss der Marktplatz heutzutage höher liegen als noch 1593. "Ist also die gesamte Stadt versunken?"

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Was zeigen die Abbildungen?

Auf der alten Abbildung des Marktplatzes in Leipzig ist eine Art Schafott und eine Menschenansammlung zu sehen. Ein Mann wartet auf Knien am Rande des Gerüsts, ein weiterer hält ein Schwert. Im Hintergrund ist das Alte Rathaus von Leipzig zu erkennen. Zwischen Erd- und Dachgeschoss finden sich zwei Stockwerke. Beim Blick auf die heutige Aufnahme des Gebäudes ist aber nur eines zu sehen.

Eine Bildsuche nach der Zeichnung führte AFP auf die Webseite eines Anbieters von Stadtführungen in Leipzig. Dieser führt die alte Abbildung ebenfalls mit einem Vermerk auf das Jahr 1593 auf. Auch hier wird in der Bildbeschreibung von einer Hinrichtung gesprochen. Die Webseite der British Library zeigt die Abbildung als Teil eines Flugblattes aus dem Jahr 1595. 

Auf Anfrage der AFP vom 18. August bestätigte die stellvertretende Direktorin des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig, Ulrike Dura, dass es sich bei der historischen Darstellung um eine Hinrichtung handelt. Die Zeichnung sei tatsächlich Teil besagten Flugblattes und stamme von 1593. Sie zeige den sogenannten Leipziger Calvinistensturm. Viele Anführer dieses Aufruhrs seien auf dem Marktplatz hingerichtet worden, erklärte Dura. 

Was hat es mit dem Stockwerk in der Darstellung auf sich?

Zu der Abbildung des Rathauses erklärte Dura, es habe im Gebäude ein niedrigeres Zwischengeschoss gegeben. Dessen Fenster seien vermutlich auf der Abbildung von 1593 nicht maßstabsgetreu dargestellt. "Es sorgte für zusätzlichen Lagerraum für die Händler, die im Erdgeschoss ihre sogenannten ‘Kaufgewölbe’ hatten", so Dura.

Das Zwischengeschoss des Rathauses kann auch auf späteren Ansichten des Gebäudes wiedererkannt werden. Die Sammlungs-Datenbank des Stadtgeschichtlichen Museums führt einige Abbildungen des Alten Rathauses. 

Gabriel Bodenehr, Kupferstich 1691, Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig 
Johann Christoph Dehne, Kupferstich, um 1730. Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig 
Abbruch der Ladenvorbauten 1905/06, Foto von Hermann Walter. Quelle: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig 

"Am Rathaus wurden oft Umbauten vorgenommen," erklärte Dura zudem. "Auch im 19. Jahrhundert und endgültig 1906-1909, dabei verschwand dann auch das Zwischengeschoss bis auf einen Rest."

Eine Literaturrecherche von AFP in der Universitätsbibliothek Berlin bestätigt das. Auch dort ist die historische Abbildung des Rathauses in einem Band der Deutschen Bauakademie zu finden. Dieser bezeichnet das Bild als "älteste Ansicht des Lotterschen Rathauses". Gemeint ist Hieronymos Lotter, Bürgermeister Leipzigs und Baumeister, welcher bereits ab 1556 das Rathaus erneuern ließ.

Die im Band dargelegte Baugeschichte bestätigt: Das Rathaus war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts baufällig geworden. Bei einem Umbau Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das Gebäude bis auf einen Ring aus Außenmauern, Zwischenwänden und Fenstern des ersten Stockwerks abgerissen. 

Laut Ulrike Dura ist ein Raum des ehemaligen Zwischengeschosses heute noch im Süden des Gebäudes als Schatzkammer vorhanden. Dieser ist auch in einem Video des Museums auf Youtube zu sehen. Laut der ehemaligen Museumspädagogin Dana Albertus handelt es sich bei der Schatzkammer um den letzten noch erhaltenen Raum dieses Stockwerks, welches ansonsten beim Umbau beseitigt wurde.

Ist das Rathaus versunken?

Dura erklärte der Marktplatz vor dem Rathaus sei lange Zeit uneben gewesen. Im Zuge einer Sanierung des Gebäudes wurde der Platz 1672 aufgeschüttet. Dies habe allerdings nichts mit dem Verschwinden des Zwischengeschosses zu tun. Grundsätzlich stimme es dabei, dass das Niveau in den Städten über die Jahrhunderte angewachsen sei, sie heute also höher liegen als früher. Ein Stockwerk des Rathauses wurde aber nicht zugeschüttet.

Auch Friedemann Meißner, Vorstandsmitglied beim Leipziger Geschichtsverein, erklärte auf Nachfrage der AFP am 23. August, das Zwischengeschoss sei bei einer  Renovierung 1672 praktisch hinter den Marktarkaden verschwunden. Endgültig sei es aber bei den Umbauten Anfang des 20. Jahrhunderts verschwunden. "Von einem ‘Versinken’ der gesamten Stadt kann deswegen allerdings keine Rede sein", sagte Meißner.

Fazit: Das Alte Rathaus in Leipzig ist nicht versunken. Bis zu einem Umbau Anfang des 20. Jahrhunderts verfügte das Gebäude über ein Zwischengeschoss, welches auf zahlreichen Abbildungen zu sehen ist.