Dieses Foto zeigt einen australischen Dschihadisten, nicht den Interimspräsidenten von Syrien
- Veröffentlicht am 19. Januar 2026 um 17:57
- 3 Minuten Lesezeit
- Von: Katharina ZWINS, AFP Österreich
Der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa war am 20. Januar 2026 zu einem Besuch in Berlin erwartet worden, der jedoch kurzfristig abgesagt wurde. Online kursierte in diesem Zusammenhang ein grausames Foto, das al-Scharaa angeblich mit zwei abgetrennten Köpfen zeigt. Das ist jedoch falsch. Das Foto kursiert bereits seit 2014 und zeigt tatsächlich den australischen IS-Kämpfer Mohamed Elomar.
"Diesen Mann empfängt die Bundesregierung am Montag mit allen Ehren und Steuergeldern. Diese Regierung darf das Wort 'Menschenrechte' nie mehr benutzen oder nur auf sich selbst zeigen", schrieb ein Nutzer am 18. Januar 2026 auf X und teilte ein Bild eines bärtigen Mannes, der lächelnd in beiden Händen jeweils einen abgetrennten Kopf hält. Die Köpfe sind auf dem Foto unkenntlich gemacht. Der Nutzer bezog sich dabei auf den für den 20. Januar 2026 geplanten Besuch des syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa in Berlin.
Dieselbe Behauptung verbreitete sich zudem auf Facebook und Telegram.
Warnung: Sensibler Inhalt
Die Behauptung ist jedoch falsch.
Der syrische Übergangspräsident al-Scharaa war am 20. Januar 2026 zu seinem ersten Besuch in Berlin erwartet worden. Dort wollten ihn Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zu Gesprächen empfangen. Aus Protest gegen den Besuch hatten mehrere Organisationen zu einer Großkundgebung aufgerufen. Die Organisatoren, darunter die Kurdische Gemeinde Deutschland und die Gesellschaft für bedrohte Völker, werfen al-Scharaa vor, "Verantwortung für Massaker, Vertreibungen und systematische Gewalt gegen Zivilistinnen und Zivilisten in Syrien" zu tragen.
Der damalige syrische Amtsinhaber Baschar al-Assad wurde Ende 2024 nach langem Bürgerkrieg von den Milizen des ehemaligen Dschihadisten al-Scharaa gestürzt. Dessen Regierung wird vorgeworfen, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht ausreichend zu schützen. Die Menschenrechtslage in Syrien gilt generell als fragil.
Al-Scharaa sagte seinen Besuch in Berlin jedoch aufgrund der innenpolitischen Situation in Syrien kurzfristig ab, wie eine Sprecherin der Bundesregierung bestätigte. Die Einladung nach Deutschland sei "durch die wohl notwendige Absage von gestern nicht aufgehoben" und bestehe fort, sagte Bundeskanzler Merz am 19. Januar 2026 in Berlin. Der Regierungschef betonte, dass circa eine Million Syrerinnen und Syrer in Deutschland leben. Eine Rückkehr in ihre Heimat hänge laut Merz maßgeblich von einer verbesserten Sicherheitslage ab. Deutschland habe daher ein massives Eigeninteresse an Stabilität und einem friedlichen Zusammenleben der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Syrien, so der Kanzler.
Bild zeigt australischen IS-Kämpfer
Eine umgekehrte Bildsuche ergab jedoch, dass der Mann, der mit den Köpfen posiert, nicht al-Scharaa ist. AFP fand heraus, dass das Foto seit 2014 online kursiert und der Mann auf dem Bild damals als der australische Kämpfer beim Islamischen Staat (IS) Mohamed Elomar identifiziert worden war. Sein Freund und IS-Mitglied Khaled Sharrouf hatte das Foto 2014 auf seinem X-Account veröffentlicht und behauptet, die Köpfe gehörten Anhängern des damaligen Präsidenten al-Assad. Das Foto sorgte international für Schlagzeilen und löste in Australien Empörung aus, woraufhin die Polizei Haftbefehle gegen die beiden erließ.
Zwar weist al-Scharaa, insbesondere durch seinen Bart, eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem verbreiteten Foto auf. Beim Abgleich mit AFP-Aufnahmen treten jedoch Unterschiede zutage, etwa in der Form der Nase.
Das online geteilte Foto wurde 2014 und 2015 auch von verschiedenen internationalen Medien veröffentlicht, darunter CNN, Al Arabiya und dem flämischen Nachrichtenportal HLN, wobei stets Elomar angeführt wurde. Elomar und Sharrouf flohen 2013 aus Australien, um sich dem IS in Syrien anzuschließen. Elomar soll 2015 bei Kämpfen im Irak gefallen sein.
AFP überprüfte im September 2025 bereits andere Falschbehauptungen im Zusammenhang mit demselben Bild auf Niederländisch.
Fazit: Ein Termin des syrischen Interimspräsidenten Ahmed al-Scharaa am 20. Januar 2026 in Berlin wurde kurzfristig gestrichen. Parallel dazu verbreitete sich im Netz eine grausame Aufnahme, die al-Scharaa angeblich mit zwei abgeschlagenen Köpfen abbildet. Das Bild ist jedoch schon seit 2014 bekannt und zeigt in Wirklichkeit den IS-Anhänger Mohamed Elomar aus Australien.
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