
Dieses Video zeigt ein gewolltes Baumerkmal, keinen gefährlichen Riss
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- Veröffentlicht am 22. November 2023 um 19:18
- 5 Minuten Lesezeit
- Von: Marion DAUTRY, AFP Belgrad, AFP Österreich
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Eine Facebook im Oktober 2023 geteilte Aufnahme zeigt eine lange Brücke über ein großes Gewässer und etwas, das wie ein Riss an der Unterseite der Konstruktion aussieht. Unterdessen überqueren sie Menschen und Autos. Es wurde in weniger als zwei Wochen über 500 Mal geteilt.
In den Kommentaren fragten Facebook-Nutzer, wo sich die Brücke befindet, und äußerten sich besorgt. "Sie wird jeden Moment einstürzen", schrieb einer. "Diese Brücke muss geschlossen und renoviert werden, warum fahren die Leute noch durch?", schrieb ein anderer. Andere scherzten über den Zustand der Infrastruktur in ihrem Land. "Wenn das Serbien ist, dann ist das normal und realistisch", schrieb ein weiterer.

Das Bauwerk befindet sich nicht in Serbien, sondern im brasilianischen Rio de Janeiro. Die Presidente Costa e Silva-Brücke (archiviert) verbindet die Städte Rio und Niteroi, weshalb sie allgemein als Rio-Niteroi-Brücke bekannt ist. Sie wurde mit Dehnungsfugen gebaut, die wie Risse aussehen können, aber beabsichtigt und nützlich sind. "Mit der Struktur der Brücke ist alles in Ordnung", erklärte das für ihren Betrieb zuständige Unternehmen am 1. November 2023.
Viele Nutzer fragten sich in den Kommentaren, wo sich die Brücke befände. Einige meinten fälschlicherweise, es handle sich um die Krim-Halbinsel. Andere verwiesen auf die Rio-Niteroi-Brücke in Brasilien. Die auf Google Maps veröffentlichten Bilder letzterer stimmen mit dem auf Facebook geteilten Video überein. Man sieht dieselben Doppelpfeiler, welche die Brücke stützen und auf Betonblöcken stehen; die Leitplanke, die Straßenlaternen, die sich auf beiden Seiten der Brücke gegenüberstehen stimmen ebenso überein wie die Straßenschilder, die sich über die gesamte Länge der Brücke erstrecken. Einige dieser Elemente sind in dem folgenden Vergleich hervorgehoben:

Kein Riss, sondern eine Dehnungsfuge
Eine Recherche über die Behauptung durch einen AFP-Journalisten aus Brasilien führte zu einem Beitrag, der am 1. November 2023 auf X (früher Twitter) von der Firma Ecoponte, die für die Nutzung der Brücke zuständig ist, veröffentlicht wurde. "Schau mal, wer wieder im Rampenlicht steht. Die Dehnungsfugen der Rio-Niterói-Brücke", heißt es in dem Beitrag auf dem X-Account von Ecoponte. Sie enthält ein Video, das eine ähnliche Ansicht zeigt wie das auf Facebook gepostete:

"Mit der Brückenkonstruktion ist alles in Ordnung. Ecoponte unterhält ein strenges und permanentes Inspektionsprogramm für die gesamte Autobahn", heißt es in dem Posting weiter. "Dehnungsfugen, die normalerweise mit Rissen verwechselt werden, bestehen aus einer physischen Trennung zwischen zwei Teilen einer Struktur, sodass sie sich bewegen können, ohne dass Kräfte zwischen ihnen übertragen werden", erklärte das Unternehmen in einem weiteren Beitrag.
"Alle Brücken und Viadukte benötigen diese Art der Trennung, um Bewegungen aufgrund von Temperaturschwankungen auszugleichen. Das heißt, diese Fugen sollen verhindern, dass kälte- oder wärmebedingte Ausdehnungs- und Einzugsbewegungen die Konstruktion beeinträchtigen", heißt es in der letzten Nachricht in diesem Thread.
Benjamin Ernani Diaz, Chefkonstrukteur der Brücke und emeritierter Professor an der Polytechnischen Schule der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ), bestätigte, dass das Video nichts Ungewöhnliches zeige. "Die Öffnung an der Verbindungsstelle war schon vor 50 Jahren vorgesehen. Es handelt sich lediglich um eine technische Kuriosität", sagte er am 16. November 2023 gegenüber AFP.
AFP schickte die Videos an Flávia Moll, Leiterin der Abteilung für Bauwerke (DES) der Polytechnischen Schule der Bundesuniversität von Rio de Janeiro. "Dies ist kein 'Riss', sondern eine Dehnungsfuge . Dies ist Teil des ursprünglichen Projekts [der Brücke], wie Sie in dem von Professor Walter Pfeil veröffentlichten Buch nachlesen können, welches das ursprüngliche Projekt zeigt", sagte sie AFP in einer WhatsApp-Audio-Nachricht am 16. November 2023 und bezog sich dabei auf eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1975.
Der vermeintliche Riss sei "super normal und wird von Ecoponte überwacht. Das ist also leider das, was wir 'Fake News' nennen", sagte Moll.
AFP untersuchte ähnliche Behauptungen im Jahr 2021 über eine Brücke in Montenegro. Der "Riss", von dem Internetnutzer damals berichteten, war ebenfalls eine Dehnungsfuge und kein Zeichen für einen Schaden, wie der Faktencheck ergab.
Eine Dehnungsfuge "sorgt dafür, dass sich die Brücke ausdehnen kann, wenn sie sich in einem heißen Sommer verlängert", wie in diesen Unterrichtsmaterialien des Landes Baden-Württemberg zu lesen ist.
Dehnungsfugen gibt es in dieser Brücke schon von Anfang an
Eine weitere Suche führte zu einem Nachrichtenbericht aus dem Jahr 2014 über einen in sozialen Medien veröffentlichten Beitrag mit einem Foto der Brücke und der Antwort der Betreiberfirma, dass es sich nicht um einen Riss, sondern um eine Dehnungsfuge handelt. Sie führte auch zu einem Dokument von 1976 mit dem Titel "Design of the Rio-Niteroi Bridge", das vom US-amerikanischen, unter anderem für Infrastrukturfragen verantwortlichen Transportation Research Board veröffentlicht wurde. In dem Dokument wird erwähnt, dass die 1974 eröffnete Brücke mit Dehnungsfugen gebaut wurde, "die 20 Meter von den Pfeilern entfernt in jeder fünften oder sechsten Spannweite vorgesehen sind."
Auf Google Maps hochgeladene Fotos und Videos bestätigen ebenfalls, dass die Dehnungsfugen im Laufe der Jahre immer in der Struktur sichtbar waren, wie hier im Juli 2023 (hier archiviert), hier 2018 (hier archiviert) und hier 2021 (hier archiviert).
Eine Suche auf Portugiesisch ergab auch, dass die Firma Ecoponte bereits 2017 auf solche Gerüchte antwortete. "Fugen werden bei großen Bauwerken eingesetzt und dienen dazu, Betonstrukturen aufzunehmen, die sich bei Temperaturschwankungen ausdehnen. Sie tragen zur Sicherheit der Brücke bei, da sie den Verschleiß der Betonstrukturen im Falle einer Ausdehnung verhindern", erklärte das Unternehmen damals.
Fazit: Brücken dehnen und bewegen sich aufgrund äußerer Einflüsse. Deswegen brauchen sie Bewegungs- oder Dehnungsfugen, die dies in einer sicheren Weise ermöglichen. Auch auf dem Video von Facebook ist eine solche Fuge zu sehen — nicht ein ungewollter Riss im Gebäude.