Der türkische Innenminister erwähnte in dieser Rede kein Erdbeben

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Am 6. Februar wurde die syrisch-türkische Grenzregion von einem verheerenden Erdbeben getroffen. Angeblich sieht der türkische Innenminister Süleyman Soylu (AKP) dafür die USA in der Verantwortung – zumindest laut einem Zitat, das ihm User in den Mund legen. Demnach glaubt der Politiker angeblich an einen Zusammenhang zwischen dem Erdbeben und dem Bremsen der Türkei bei der Nato-Erweiterung. In der gezeigten Rede vom 3. Februar erwähnt Soylu aber weder das Erdbeben noch die Nato. Erdbeben entstehen auf natürliche Weise.

Mitte Februar teilten User das Video einer Rede des türkischen Innenministers Süleyman Soylu auf Facebook.

Die Behauptung: Die Postings schreiben Soylu ein falsches Zitat zu. Als "Erklärung der Türkei" wird folgender Satz bezeichnet: "Es gibt keine Zufälle und das haben wir dem amerikanischen Botschafter auch gesagt. Die Türkei hat vor einer Woche die Erweiterung der Nato um weitere Mitglieder abgelehnt und wurde dann von einem katastrophalen Erdbeben heimgesucht." Anschließend forderte er den US-Botschafter auf, seine "dreckigen Hände" von der Türkei zu nehmen.

Einige User vermuten, dass das Erdbeben künstlich durch sogenannte HAARP-Technik erzeugt worden sein könnte. "Der weiß dass sie die Technik haben Erdbeben zu erzeugen diese dreckige USA Terrorstaat schurkenstaat", schreibt ein Nutzer dazu. AFP hat bereits Behauptungen zu HAARP als angeblicher Ursache des Erdbebens widerlegt.

Facebook-Screenshot der Behauptung: 23. Februar 2023

Rede vor Erdbeben gehalten

Im geteilten Video ist der Name eines TikTok-Accounts zu sehen. Der User "_texas__militia" teilte das Video am Tag nach dem Erdbeben am 7. Februar 2023. Allerdings ist der Teil, in dem ein Zusammenhang zur Nato-Politik der Türkei gezogen wird, kein direktes Zitat seitens des Ministers, sondern ein hinzugefügter Kommentar. Das Video spielt ebenfalls auf HAARP als Ursache für die Naturkatastrophe an, beschreibt es aber – im Gegensatz zu den deutschsprachigen Postings – nicht als "Erklärung der Türkei."

Eine Übersetzung der Rede zeigt, dass Soylu sich zwar wütend an den US-amerikanischen Botschafter Jeffry Flake wendet, allerdings erwähnt er darin kein Erdbeben und auch keinen Zusammenhang zum Standpunkt der Türkei in Bezug auf die Nato-Erweiterung.

Soylu selbst veröffentlichte die Rede sowie einen Ausschnitt daraus am 3. Februar 2023 auf Youtube und Twitter. Sie stammt von einem Treffen in Antalya, bei dem es um das Management von Migration ging. Die Rede hielt er also drei Tage vor dem Erdbeben.

Dementsprechend kommt in der Rede auch nie das Wort "Erdbeben" vor. Das türkische Innenministerium veröffentlichte ein Transkript eines Teils der Rede aus dem Video, in dem der an den US-Botschafter gerichtete Satz über Erdbeben und Nato-Erweiterung aber nicht vorkommt.

Soylu spricht in der Rede tatsächlich den US-Botschafter an, allerdings geht es dabei um ein ganz anderes Thema. Zuerst redet er über Migrationspolitik, dann holt er zu einer Kritik der europäischen Einwanderungspolitik und generell westlicher Länder aus. Dabei sagt er tatsächlich in Richtung des US-Botschafters, dass dieser seine "dreckigen Hände" von der Türkei fernhalten solle, wie mehrere Medien berichteten (hier, hier, hier). Mit dem Erdbeben in der Türkei hatte das allerdings nichts zu tun.

Dahinter steht ein diplomatischer Konflikt um geschlossene Konsulate in der Türkei. Einen Tag vor der Rede, am 2. Februar 2023, hatte Soylu die Schließung als Destabilisierungsversuch der Türkei gewertet. Mehrere europäische Länder – darunter Deutschland – hatten zuvor ihre diplomatischen Vertretungen in Istanbul wegen eines erhöhten Anschlagsrisiko für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Maßnahme erfolgte vor dem Hintergrund von Spannungen mit der Türkei nach Koranverbrennungen in Dänemark und Schweden. Als Reaktion auf die Schließung bestellte die Türkei mehrere Botschafter und hochrangige Vertreter ein.

Bereits in der Vergangenheit war Soylus Verhältnis zu den USA nicht spannungsfrei. Nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei im Jahr 2016 deutete er etwa an, dass die USA hinter dem Staatsstreich steckten.

Nato-Blockade

Im Sommer 2022 hatten Finnland und Schweden aufgrund des Ukrainekriegs einen Nato-Beitritt beantragt. Die Türkei blockiert allerdings seit Monaten den Nato-Beitritt der beiden Länder. Die türkische Regierung begründet das mit der angeblichen Unterstützung kurdischer Aktivisten, die von den türkischen Behörden als "Terroristen" betrachtet werden und fordert die Auslieferung mehrerer Menschen.

Der US-amerikanische Congressional Research Service (CRS), ähnlich dem Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages, bezeichnete das Thema in einem Papier vom 15. Februar als eines der "Hauptprobleme" in der Beziehung zwischen Ankara und Washington.

Erdbeben haben natürliche Ursachen

Erdbeben entstehen auf natürliche Weise. Die tektonischen Platten, aus denen die Erdkruste besteht, sind ständig in Bewegung, wie die US-Universität Caltech online erklärt. Die Ränder dieser Platten reiben aneinander, wodurch sich Druck aufbaut. Wird der aufgestaute Druck freigesetzt, entsteht ein Erdbeben.

Darstellung und Erläuterung der Plattentektonik sowie verschiedener Wellentypen

In der Türkei stoßen solche Platten aneinander. An der ostanatolischen sowie nordanatolischen Verwerfung sind Erdbeben immer wieder zu erwarten. Das Erdbeben hatte nichts mit dem Einsatz der sogenannten HAARP-Technologie zu tun.

Karte der Türkei und Syrien mit tektonischen Platten.

Das US-Forschungsprogramm HAARP (High-frequency Active Auroral Research Program) untersucht physikalische Prozesse, die in den oberen Bereichen der Atmosphäre ablaufen. Dazu nutzen Forschende einen Hochfrequenzsender.

Toshi Nishimura, Geophysiker am College of Engineering der Universität Boston, erklärte gegenüber AFP am 8. Februar 2023, dass ihm keine wissenschaftlichen Belege dafür bekannt seien, dass HAARP ein Erdbeben verursachen könnte. "Künstliche Radiowellen können die obere Atmosphäre lokal stören, aber das ist vergleichbar mit der Störung durch die Sonne. Mir sind keine wissenschaftlichen Beweise dafür bekannt, dass die künstlichen Wellen viel stärkere Störungen verursachen und lokale seismische Bedingungen beeinflussen können. Die Leistung der Wellen nimmt mit der Entfernung ab."

Jeffrey Hughes, Professor für Astronomie an der Universität Boston, stimmte dem am 8. Februar 2023 zu. Er erklärte, dass die Funkwellen von HAARP die Ionosphäre in einem begrenzten Bereich von etwa 100 Kilometern aufheizten. "Es gibt keinen Weg, damit einen Effekt halb um die Erde herum in der festen Erde zu erzeugen. Es tut mir leid, aber das ist einfach nur dumm", sagte er.

Michael Lockwood, Professor für Weltraumphysik an der Universität Reading in Großbritannien, ergänzte am 8. Februar 2023: "HAARP ist keine Waffe in irgendeiner Form, war nie eine und kann auch nicht als Waffe eingesetzt werden." Dass HAARP von Alaska aus seismische Aktivität, geschweige denn in der Türkei und Syrien, erzeugen könne, sei "lächerlich".

Fazit: Das geteilte Video zeigt nicht, wie der türkische Innenminister die USA für das Erdbeben Anfang Februar verantwortlich macht. Die Rede hielt er bereits vor dem Beben. Er kritisiert darin den US-Botschafter, nachdem sich ein Streit zwischen geschlossenen Botschaften in der Türkei zugespitzt hatte. Er spricht allerdings nicht von Erdbeben oder der Nato. Erdbeben entstehen auf natürliche Weise.